Vita

Lebenslauf: geb. 7.6.1932 in Goch/Ndrrh, Deutschland
Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte in Köln, Freiburg i.Br.,
Berlin (FU)
Prof. f. Philosophie 1974-1979 an der PH Berlin, 1979-1987 an der
Universität Jena
1987-1992 Mitarbeiter der Berliner Akademie der Wissenschaften, zuletzt
als Leiter der Abteilung Geschichte der Philosophie im Zentralinstitut für
Philosophie
Seither Forschungsschwerpunkt: die ideologischen Strömungen des
20. Jahrhunderts, vor allem Marxismus und Nationalsozialismus, sowie
Methodenfragen und aktuelle Erörterung des historischen Materialismus.


 Korrektur einer Legende

In dem Buch "Der Agent" von Werner Stiller wird  eine Liste der HVA in der DDR, die der "Stasi" angegliedert war, veröffentlicht, in der sich auch Angaben über mich finden. Hiernach habe ich Jahre lang mit dieser Institution "zusammengearbeitet". Mein Operationsgebiet sei die PH Westberlin gewesen, 1975 sei ich Mitglied der SED geworden. Mit anderen Worten: Ich soll ein "IM" gewesen sein, der bis zu seiner Übersiedlung in die DDR, 1979, "Operationen" durchgeführt hat. Dem setze ich Folgendes entgegen:

 

1.) In den Jahren vor dem Bau der Berliner Mauer 1961 verstärkte sich, insbesondere in Westberlin, von Monat zu Monat die Furcht vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkrieges. Damals Doktorand an der Freien Universität Berlin, gehörte ich zu jenen jungen Leuten, die es nicht mehr aushielten, der kommenden Katastrophe, die West und Ost gleichermaßen betreffen würde, nur hilflos entgegenzustarren. Ein Ausweg schien allein möglich, wenn die einander feindlich gegenüberstehenden Seiten miteinander ins Gespräch gelangten, statt die Propaganda gegeneinander aufzuheizen. Zusammen mit einigen Freunden suchte ich deshalb Kontakt zu Studenten und Studentinnen der Humboldt-Universität in Ostberlin aufzunehmen, um wenigstens nicht untätig zu sein und ein ganz klein wenig zur Entspannung der Lage beizutragen. Ein Diskussionskreis, für den wir staatliche Aufmerksamkeit in Kauf nehmen mussten, bildete sich, der sich bald wieder verlief. Am Ende blieb für mich das gelegentliche Zusammentreffen mit einem jungen Mann, von dem ich lernte, meine einem Philosophiestudenten eigene Naivität in politischen Dingen abzulegen und sowohl das weltpolitische Machtspiel wie auch die internen Schwierigkeiten der DDR wenigstens ansatzweise zu begreifen. Umgekehrt konnte ich meinem Gesprächspartner ein Bild vom Westen, dem ich mich selbstredend zugehörig fühlte, vermitteln, das sehr von dem abstach, was die ideologische Infiltration sogar in einem so klugen, realistisch denkenden Menschen hervorgerufen hatte.

 

2.) Irgendwann zwischen Bau der Mauer und Studentenbewegung wurde mir klar, dass ich in meinem Kompagnon nicht einen Studenten vor mir hatte, sondern einen Vertreter des Staates, so unklar meine Vorstellungen auch noch von dem waren, was unter "Stasi" zu verstehen war. Vielleicht wäre damals noch die Zeit gewesen, den Kontakt abzubrechen. Aber aus verschiedenen Gründen reizte es mich, das Spiel, in das ich nun einmal geraten war, weiterzuspielen. Von früher Jugend an hatte ich die fixe und dazu anmaßende Idee, man müsse die bekanntlich ungebildeten Barbaren im Osten an die westlichen Vorstellungen von Freiheit und Humanität heranführen, um ihre Aggressivität gegen den Westen zugunsten freundschaftlicher Beziehungen abzubauen. Ich schrieb dazu sogar eine kleine, im Durchschlag noch vorhandene Abhandlung für ein Preisausschreiben der  Zeitung "Die Welt", natürlich erfolglos.

 

Aus gesundheitlichen Gründen war ich zu einem anstrengenden Beruf, wie dem eines Arztes oder Anwalts, nicht in der Lage, bemühte mich daher um eine Promotion, um Bibliothekar im höheren Dienst an der Universität werden zu können und sah mich schon im Bücherstaub verkommen. An den Universitäten der DDR würde man mich, so bildete ich mir in maßloser Überschätzung der Überlegenheit des Westens ein, bei der Weisheit, die ich ihnen zu bringen hatte, mit offenen Armen empfangen.

 

Immer noch spuckte in meinem Kopf wohl noch die simple Vorstellung herum, man brauche die Mächtigen des Ostblocks nur richtig zu beraten, dann würden sie sich zu einem Engagement mit dem Westen bereit finden. Wenn ich mir einen, natürlich unerfüllbaren, Wunschberuf vorstellte, dann war es der des politischen Beraters einer Ost-Regierung, am liebsten in Peking, sonst doch in Moskau, mindestens aber in Ostberlin. Ich ahnte nicht, dass ich nach etwa zwei Jahrzehnten der bescheidensten Fassung meiner Zukunftsphantasien, die ich längst als pubertär abgelegt hatte, ein überraschendes Stück näher gekommen war. Nachdem ich 1979 in die DDR übergesiedelt war, wurde ich zehn Jahre danach unter dem Einfluss der Gorbatschowschen Reformpolitik von der Ostberliner Akademie der Wissenschaften, meiner damaligen Arbeitsstelle aus dazu bestellt, an der berüchtigten Kaderschmiede der DDR, der Akademie für Staat und Recht in Potsdam, auf Verlangen von deren Leitung einen Vortrag über die Vorzüge (!) der gegenwärtigen westlichen Philosophie zu halten. Das war etwa zu der Zeit, da der Chef der HVA, Markus Wolf, anlässlich des Verbots der Zeitschrift Sputnik aus Protest gegen die Politik des DDR-Regimes von seinem Amt zurücktrat. Wenig vorher oder nachher holte mich der stellvertretende Hochschulminister der DDR zusammen mit einem Kollegen in eine Vollversammlung der SED-Genossen des Ministeriums, um angeregt durch meine Ausführungen nach einer neuen politischen Führung zu rufen, die zu umfassenden Reformen fähig sein würde. Kein Zweifel, wäre die DDR weiter bestehen geblieben, mir hätte sich für meine ursprünglichen Intentionen ein weites Feld geöffnet.

 

Begonnen hatte alles mehr als ein Jahrzehnt vorher, eben Anfang der sechziger Jahre, mit dem erwähnten Versuch des Gesprächskontakts über die Grenzen hinweg. Als der scheiterte, lag mir umso mehr an der Beziehung zu diesem einen jungen Mann, von dem ich mir erhoffte, dass sich mir auf diesem Wege schließlich das Tor nach "Drüben" öffnen würde. Gar nicht in mein Weltbild passte allerdings, dass ich es war, der aus dem Gespräch laufend Wissen und Einsicht bezog.

 

3.) Was man "drüben" von mir dachte und mit mir vorhatte, habe ich so recht erst erfahren, als mein DDR-Abenteuer sein Ende gefunden hatte. Vieles ist mir heute noch unklar. Im Laufe der Jahre passierte erst einmal nichts als die Zwiegespräche mit Dieter, wie ich meinen Partner hier einmal nennen will, bis dieser eines Tages mit mir in eine völlig menschenleere Landschaft hinausfuhr, und mir im Auto einen ein- zwei Seiten langen Text vorlegte, den ich bitte unterschreiben möchte. Mit einem Mal begriff ich, dass ich in die Hände der berüchtigten Stasi geraten war. Ich verfiel an diesem einsamen Ort, eingesperrt ins Auto, in einen hysterischen Angstzustand, in dem ich mir einbildete, dass es hier um Tod oder Leben gehen könne. Hastig überflog ich den Text und bekam soviel mit, dass er außer einem Bekenntnis zum (doch wohl "historischen") Materialismus im Kern die Willenserklärung zur Achtung der DDR-Gesetze enthielt. Das beruhigte mich, da ich einsah, dass es von Seiten dieses Staates einer gewissen Absicherung bedurfte, und so unterschrieb ich. Heute vermute ich, dass zwischen den Zeilen die bekannte IM-Verpflichtung versteckt gewesen sein könnte. Da ich sie bewusst nicht abgegeben hatte, existierte sie auch im weiteren für mich nicht.

 

Irgendwann, ich weiß nicht mehr in welchem Jahr, folgte die nächste Attacke. Eines Tages fragte mich Dieter in einer unserer spärlichen Begegnungen, ob ich nicht Lust hätte, in die USA überzusiedeln, um dort als Reporter für die DDR tätig zu sein. Man habe ein großes Nachrichtendefizit, da DDR-Bürger nicht ins Land gelassen würden. Ich sah darin eine reizvolle Aufgabe, da auf diesem Wege den hinter dem Eisernen Vorhang Zurückgehaltenen die Augen über den Westen im Sinne meiner Verständigungswünsche ein wenig mehr geöffnet werden konnten. Unter Hinweis auf meinen Gesundheitszustand ging ich aber auf den Vorschlag nicht ein. Man nahm mir das offensichtlich nicht ab.

 

4.) Schon damals muss bei den Hintermännern meines Kontaktmannes ein Misstrauen gegen mich wach gewesen sein. Das verstärkte sich, wie ich heute weiß, in der Studentenbewegungszeit aufgrund einiger Bücher, die ich damals veröffentlichte. In der DDR habe ich später erfahren, dass alle meine Veröffentlichungen den Studierenden nur mittels Sondergenehmigung aus einem sogen. Giftschrank zugänglich waren. Die Kopie der Rezension eines Buches von mir, in der ich als typischer spätbürgerlicher Philosoph aus der Schule des Kritischen Rationalismus herausgestellt wurde, war bald nach Erscheinen schon zufällig in meine Hände gelangt.

 

Wer meine Texte zur Kenntnis nahm und zwischen den Zeilen zu lesen verstand, bekam bald meine Absicht mit, gegen den offiziellen Marxismus-Leninismus der DDR den wirklichen Marx, den ich inzwischen hochzuschätzen gelernt hatte, zur Geltung zu bringen. Ich glaubte immer noch, wenn nur das DDR-Regime seinen Bezug auf Marx ernst nehmen würde, dann würde es zu einer Demokratie fähig werden, die eine Annäherung der beiden Systeme gestatten würde, und zwar so, dass der Westen sich anstrengen musste, es den ungeliebten Kommunisten drüben gleichzutun. Bei der Unsicherheit meiner Existenz zunächst immer noch darauf aus, in die DDR zu gelangen, hatte ich jeden Anschein vermieden, ich sei auch nur ein wenig kritisch gegen das Regime dort eingestellt, das ich in Wirklichkeit, und nach späterem Wissensstand in manchem eher zu Unrecht, einfach nicht mochte.

 

5.) Im Jahre 1968 wurde ich in die Redaktion der Zeitschrift "Das Argument" aufgenommen. W.F Haug, der Herausgeber, war damals bemüht, unterschiedliche linke Strömungen zu dem Ziel eines auf demokratischem Wege zu verwirklichenden Sozialismus zusammenzuführen. Ich hingegen hielt an der klassischen Auffassung fest, dass eine revolutionäre Enteignung des Monopolkapitals wohl kaum durch Wahlerfolge zu erreichen sei,

womit für mich klar war, dass es im Westen zumindest in der Gegenwart unsinnig war, auf eine Wende zum Sozialismus hinzuarbeiten. Mir lag vielmehr an einer Verständigung zwischen den beiden, von mir irrtümlich für unaufhebbar gehaltenen Machtblöcken, die einen Wettbewerb der Ideen ermöglichen würde, wobei ich kein Hehl daraus machte, dass ich die von Marx ausgehende Gesellschaftskonzeption, modern interpretiert, für die bessere Alternative hielt. Das machte mich geeignet, von der Argument-Redaktion her nach "drüben" an aufgeschlossene Wissenschaftler glaubwürdig Loyalität zu signalisieren, so dass es der Zeitschrift eher möglich wurde, auch hinter dem Eisernen Vorhang Sympathien zu sammeln und Mitarbeiter anzuwerben, die in Haugs linkes Einigungsbemühen einbezogen werden konnten.

 

6.) Zu einer Sammlungskonferenz linker Zeitschriften aus Ost und West in Ljubljana, kurz nach 1968, nahmen W.F. Haug und seine Frau und Mitarbeiterin Frigga mich unter der Voraussetzung mit, dass ich unseren Konferenzbeitrag verfasste. Ich wählte das Thema "demokratischer Zentralismus" und hob darin hervor, dass Lenin in seinen Schriften auf die Möglichkeit einer Perversion des demokratischen zum bürokratischen Zentralismus verwiesen hatte. Unausgesprochen suchte ich deutlich werden zu lassen, dass eben dies in den Staaten des sozialistischen Lagers geschehen war und somit die gescheiterten Reformbestrebungen ihren guten Grund hatten, wiewohl ich andererseits den Gedanken eines wirklich demokratischen Zentralismus nicht verwarf.

 

Die anwesenden Westdeutschen, ihres Zeichen Repräsentanten der "Kritischen Theorie", verstanden das prompt so, dass ich in diesem marxistisch liberalen Kreis für das dogmatisch erstarrte System der DDR werben wollte und griffen mich, zum Erstaunen der Vertreter des Ostblocks, während der Diskussion in aller Schärfe lauthals an. Haug allerdings war aus dem Schneider. Nicht er, sondern lediglich eins der Mitglieder seiner breitgefächerten Redaktion äußerte sich hier derart – wie auch er wohl glaubte -  moskautreu, so dass er, statt angesichts der Kritik an dem von ihm gebilligten Konferenzbeitrag mir beizuspringen, nur stillschweigend sich im Hintergrund zu halten brauchte, um das für seine Redaktionspolitik notwendige Wohlwollen beider Seiten, der dogmatischen wie der oppositionellen, nicht zu verlieren.

 

7.)Missverstanden wurde ich auch von den Studenten. In einem ausdrücklich im Auftrag des Fischer-Verlages geschriebenen Taschenbuch, das gegen die Verallgemeinerung aller im Westen seit je betriebenen Sozialwissenschaft zur "bürgerlichen Wissenschaft" und damit zur Nicht-Wissenschaft gerichtet war, stellte ich die Leistung der in der bürgerlichen Gesellschaft hervorgebrachten Wissenschaft heraus – allerdings in der Perspektive eines künftigen Sozialismus. Letzteres entsprach, zugegeben, nicht ganz meiner grundsätzlichen Skepsis. Ich ließ mich eben von Mal zu Mal auch vom Rausch der studentischen Rebellion hinreißen.

 

Die revolutionistischen jungen Leute lasen aus meiner Darstellung nur heraus: Alle an unseren Hochschulen vorgebrachte Wissenschaft ist "bürgerliche" Wissenschaft, und die muss weg. Ihnen, aber genauso den angegriffenen Professoren galt ich als Zeuge für ihre naseweise, aber äußerst wirkungsvolle Denunziation. Seither stand ich, wie mir mein Chef, der Rektor der PH vertraulich mitteilte, auf einer schwarzen Liste derjenigen Personen, die in der BRD und Westberlin unter keinen Umständen zu ordentlichen Professoren berufen werden durften, was sich später in meinem Falle denn auch bestätigte. 

 

8.) Nicht täuschen ließ man sich in der DDR. Spätestens von da an wusste man, mit wem man es bei mir zu tun hatte, mit einem bürgerlichen Wissenschaftler nämlich, der sich zwar redlich Mühe gab, zu einem Marxisten zu werden, in Wirklichkeit aber der Politik der DDR unbelehrbar, wenn nicht ablehnend gegenüberstand. Dennoch scheint die Haltung zu mir zwiespältig gewesen zu sein. Es war wohl klar, dass ich als IM nicht zu gebrauchen war. Man hatte denn auch, wenn ich neueren mir zugekommenen Informationen trauen darf, etwas anderes vor. Irgendwann würde man in den Besitz von Westberlin geraten. Dann waren nach alter Methode Spitzenpositionen mit angesehenen Bürgerlichen zu besetzen, die sich aus dem Hintergrund von Kommunisten steuern ließen. Für eine solche Position scheine ich langfristig vorgesehen gewesen zu sein. Das bedingte, dass Kontaktperson Dieter mich darin zu bestärken hatte, mich als Beamter, der ich durch Übernahme in den Hochschuldienst schließlich geworden war, möglichst zu bewähren, treu und unauffällig meinen Dienst zu tun, und mich von linken Gruppierungen und von den Gewerkschaften fern zu halten.  An "Operationen" oder auch nur Informationen über PH oder "Argument" zeigte er sich völlig uninteressiert, was nicht ausschließt, dass er mich regelmäßig "abgeschöpft" hat, wodurch ich nach der großzügigen westlichen Definition allerdings zum "IM" wurde.

 

9.) Lange Zeit wiegte ich mich in der Gewissheit, dass von mir weiter nichts verlangt oder erwartet wurde. Das bisschen Geheimnistuerei, das dabei war, rief immerhin einen romantisches Kitzel hervor. Wollte ich meinen Gesprächspartner in Ostberlin wieder einmal besuchen, so rief ich an seiner Dienststelle, die sich mir nicht weiter offenbarte, unter Nennung meines richtigen Namens an und nahm auf diese Weise den Kontakt auf. Das war schon alles. Immer aber blieb ein geheimnisvoller Schatten hinter meinem harmlos agierenden Kumpel. Doch verstärkte sich der Eindruck, dass man mit mir eigentlich nichts anzufangen wusste, dass Dieter die Trennung aber hinauszögerte, weil ihm an der Fortsetzung der Gespräche mit mir lag. Meine weiteren Lebensplanungen waren kaum einmal ein Thema, Aufträge oder Vorschriften gab es nicht. So war es, wie alles andere, denn auch meine eigene Entscheidung, auf den Vorschlag eines Freundes aus der Argument-Redaktion einzugehen und bei der Westberliner Polizei als Referent einzusteigen.

 

Es war in den wilden Jahren der Studentenbewegung in dem besonders aufrührerischen Westberlin aus dem Kreis der Polizisten ein eigenes Kommando eingerichtet worden, das versuchen sollte, mit den rebellierenden Studenten und Studentinnen in eine freundschaftliche Diskussion einzutreten und sie dadurch von den zunehmenden Gewaltakten seitens einzelner Gruppen abzuhalten. Dazu musste man aber wissen, worum es den Studenten überhaupt ging, woher sie ihre Überzeugungen bezogen. Ich referierte darüber, und zwar mit solchem Erfolg, dass ich merkte, wie diese jungen Polizeibeamten, was sie über den Sozialismus hörten, doch recht vernünftig fanden. Ich wurde von meinen Zuhörern dringend gebeten, noch einmal wiederzukommen, um die Diskussion fortzusetzen. Dann aber war Schluss. Die Vorgesetzten fürchteten wohl die Gefahr, dass ihre eigenen Leute sich am Ende noch in die Demonstration einreihen würden.

 

Wiederum nebenbei: Eine spiegelverkehrte Konstellation erlebte ich später in der DDR einige Monate vor dem Zusammenbruch des Regimes. Ich wurde gebeten, den Studierenden an der Hochschule der HVA nahe Berlin zu erläutern, warum Menschen im Westen so schwer für die Ideale des Sozialismus zu gewinnen waren. Ich suchte ihnen klar zu machen, dass die westdeutschen Bürger nicht einfach ideologisch verblendet waren, sondern dass ihnen ihre Freiheit ein hoher Wert war, den sie nicht für Zwangsverhältnisse, wie sie sie in der DDR wahrnahmen, eintauschen wollten. Die jungen Offiziere verlangten, dass ich wiederkommen sollte, um ihnen die Mentalität des Westens noch weiter verständlich zu machen. Das geschah auch. Dann aber war auch hier Schluss.

 

Von meinem Erfolg bei den Westberliner Polizisten erzählte ich Dieter stolz bei nächster Gelegenheit. Ich sah, wie sein Gesicht sich verfärbte. Nun ist es vorbei, rief er aus, nun bis Du registriert und unter ständiger Beobachtung. Heute erst kann ich mir denken, was damit gemeint war: Ich war als "Schläfer" nicht mehr zu gebrauchen.

 

10.) Vielleicht liegt es an solchen Vorkommnissen, dass ich etwa 1975 gedrängt wurde, in die SED der DDR einzutreten. Dann hätte ich mir solche Eskapaden nicht mehr leisten dürfen, hätte auf Parteidisziplin verdonnert werden können. Ich bringe es noch heute nicht unter einen Hut, wieso ich einerseits als künftig zu aktivierender "Schläfer" auf Distanz gehalten wurde, andererseits aber in den Kreis der SED-Genossen aufgenommen werden sollte. Fast kommt es mir vor, dass in der Hierarchie der HVA den oberen Ebenen immer noch ein Erfolg der Arbeit an mir vorgespiegelt werden sollte, man vor Ort aber längst schon resigniert hatte, ohne sich dies schon unverblümt eingestehen zu wollen. So verblieb Dieter mir gegenüber nach wie vor beim "Sie" und wechselte erst, als dies von oben mit höchster Verwunderung bemerkt wurde, zum "Du". Auch das Angebot, in die Partei einzutreten, könnte notgedrungen auf Nachfrage der oberen Instanzen erfolgt sein. Ich jedenfalls geriet dadurch in eine fatale Lage. Mit wurde bewusst, dass auch ich mir etwas eingebildet hatte, nämlich: als sei ich nach wie vor ein freier Bürger der Bundesrepublik, der sich dem Osten gegenüber zu nichts verpflichtet hatte. Andererseits hatte ich nichts dagegen, in eine Partei einzutreten, die meinen Vorstellungen von einer sozialistischen Zielstellung entsprach, wozu innerparteiliche Demokratie, Meinungsfreiheit und anderes Derartige gehörten. In diesem Sinn formulierte ich daher die mir abverlangte Begründung für den zu stellenden Antrag. Von dem war danach nie mehr die Rede.

 

Erst bei Beginn meines Daueraufenthalts in der DDR, Anfang 1979, erklärte man den Antrag für gestellt und genehmigt und schrieb mich nachträglich als Parteimitglied seit 1975 oder 76 ein. Das geschah auch zu meinem Schutz: Denn es gab in Jena Genossen, und vor allem eine Genossin, nämlich die Parteivorsitzende dort, die sehr geneigt waren, dem angekündigten bürgerlichen Wissenschaftler, der, wie geraunt wurde, nur für Geld "operiert" hatte, das Leben schwer zu machen.

 

Damals in den siebziger Jahren wurde ich mir mehr und mehr bewusst, in das Netz der "Stasi" so verstrickt zu sein, dass ich da nicht mehr herauskommen konnte. Andererseits war mir die Lust, in die DDR zu gehen, vergangen. Ich hatte es auch nicht nötig, war schließlich jetzt Beamter. Das allerdings konnte in Frage gestellt sein, wenn nach einem abrupten Abbruch der Beziehungen, etwa aus Rache, Informationen an meine Vorgesetzten lanciert wurden. Es war, schien mir, immer noch besser, vorerst stillzuhalten.

 

11.) Die Situation änderte sich eines Tages schlagartig. Plötzlich verschwand Kompagnon Dieter von der Bildfläche und jemand anderes tauchte auf, der an analytisch tiefgründigen Gesprächen weder interessiert noch dazu überhaupt fähig war.  Bei dem wurde deutlich: Die wollten mich los werden. Umgekehrt wollte ich sie los werden. Da musste doch ein Übereinkommen möglich sein. Trotzdem kostete es mich viele schlaflose Nächte mit Schweißausbrüchen, bis ich begann, mich mit meinem Entschluss, den ich eigentlich schon gefasst hatte, anzufreunden. Die Angst vor der geheimnisvollen Krake Stasi steckte offenbar tief in mir.

 

Mitten im Ringen mit mir selbst erreichte mich eines Abends in meiner Westberliner Wohnung ein Anruf aus einer mir vertrauten Adresse in Ostberlin: Ich möchte mal kurz herüberkommen, es sei wichtig. Ich verließ meine Schreibmaschine, an der ich gerade arbeitete, für, wie ich dachte, zwei oder drei Stunden. Es dauerte ein ganzes Jahrzehnt, bis ich das Haus, das ich damals bewohnte, wieder betreten konnte. Zwar hätte man mich, wenn ich intensivst darauf bestanden hätte, vielleicht wieder laufen lassen. Aber ich wurde gewarnt: Der geflohene "Verräter" habe auch Notizen über mich mitgenommen. Die würden reichen, um mich in Untersuchungshaft zu nehmen, die bis zu einem Dreivierteljahr dauern könnte. In der DDR demgegenüber würde ich alles bekommen können, was ich auch im westlichen "Drüben" hatte: einen Beruf als Hochschullehrer mit gutem Gehalt, ein eigenes Haus im Grünen, sogar einen guten Wein. Per Zufall erfuhr ich von der Absicht, mit mir zu diskutieren, bis ich zur Einsicht gekommen sei. Was unter "Diskutieren" zu verstehen war, hatte ich soeben aus einem Roman über den Stalinismus erfahren. Es blieb mir, sah ich ein, nichts anderes, als mich der gewünschten Einsicht nicht länger zu verschließen.

 

Eines war auffällig: Man erhoffte sich von meinem Übergang in die DDR einen Propagandaerfolg. In der Tat: In der BRD trat fast eine Hysterie auf angesichts der, wie ich von jenseits der Grenze feststellen konnte, tagelang gebrachten Meldung vom Überlauf eines Hochschuldozenten zu den Kommunisten drüben in ihrem Unrechtsstaat. Meine neuen Betreuer im Osten erwarteten von diesem spektakulären Vorfall das genaue Gegenteil. Jetzt werden sie alle kommen, um ebenfalls Kontakt aufzunehmen, jubelten sie, sogar den Rektor von meiner Hochschule erwarteten sie. Es würden sich auch andere einschleichen, Reporter etwa von nicht wohlgesonnenen Presseorganen. Um diese sogleich ausmachen und nur die Verlässlichen an mich heranlassen zu können, baten sie mich, diejenigen aus meinem engsten Umkreis, die als meine Besucher in ihren Augen in Frage kamen, schriftlich kurz aufzuzählen und zu charakterisieren. Das tat ich denn auch, indem ich alle so darstellte, dass sie sehr freundlich zur DDR eingestellt seien, aber ihrem Weltbild nach oder aus anderen Gründen sich nicht zu Mitarbeitern würden anwerben lassen. Dies war, bis auf eine Ausnahme, das einzige Mal, dass ich schriftlich Angaben über Personen gemacht habe. Ich besitze die Kopien heute noch. In der DDR kam ich wegen der mir zugesicherten Westkontakte sowieso nicht als ein "IM" in Betracht.

 

12.) Um es kurz zu machen: An der Universität Jena suchte man, wie überall sonst, nach einem Experten für die neuere westliche Philosophie. Ich erhielt einen Ruf dorthin, wurde erwartungsgemäß von der Jenaer Parteiführung – nicht von der "Stasi" – bedrängt, und erhielt schließlich die vertrauliche Warnung, ich würde, wenn ich meine Haltung nicht änderte, mich bald in Bautzen wiederfinden. So floh ich schließlich hinter die schützenden Mauern der Akademie der Wissenschaften in der DDR-Hauptstadt und wurde dort von in der Mehrheit längst aufsässig gesinnten Mitgliedern des Zentralinstitutes für Philosophie nach der Wende ganz demokratisch zu einem – zunächst kommissarischen – Abteilungsleiter gewählt. Im Zuge der Schließung der Akademie empfahl eine Kommission von prominenten Professoren aus der BRD mein Forschungsprojekt über den Nationalsozialismus zur Förderung durch die DFG. Das wurde von der neuen Akademieleitung abgelehnt. Ich aber blieb meinem, mir schon in Jena übertragenen Thema treu – bis zum heutigen Tage.

 

13.) Immer noch rätsele ich darüber, warum ich in einer rigorosen Aktion, die für mich Züge von kidnapping an sich hatte, in die DDR geholt wurde. Am plausibelsten scheint mir die Erklärung, dass ich im Laufe der Zeit doch zu internen Kenntnissen gelangt war, die nicht von der Seite des Gegners sollten "abgeschöpft" werden können. Wie aber konnte nach oben begründet werden, dass die Zuständigen, zu denen auch mein Spezi Dieter gehörte, sich nicht längst schon friedlich und freundschaftlich von mir getrennt hatten? So jedenfalls erkläre ich mir das Zustandekommen der Notiz über mich in der von dem "Verräter" veröffentlichten, bei seinem Weggang noch gar nicht existierenden und als verlässliche Quelle keineswegs ausgewiesene Liste, in der, wie ich das verstehe, gegenüber  einer prüfenden Instanz in jedem einzelnen Falle angegeben werden sollte, weshalb die Rückholung notwendig wurde, was schließlich Kosten verursachte. Deshalb wohl die Angabe der Höhe der Gehälter, aus der sich schließlich ergab, was nunmehr als Entschädigung anfiel. Ich kann mich da nicht beklagen, mein Professorengehalt an der PH Westberlin ist richtig angegeben, und mit der Entschädigung, gemessen an den Möglichkeiten des seinem Bankrott entgegengehenden Staates, konnte ich mich auch zufrieden geben. Was vom "Operationsgebiet" PH und von der Parteimitgliedschaft zu halten ist, dürfte aus dem Obigen klar geworden sein. Die Kontaktaufnahme ist zeitlich etwas zu niedrig angesetzt, gerade die ersten, in der Liste nicht mit eingerechneten Jahre geben Aufschluss darüber, warum die unterstellte "Zusammenarbeit" nicht zustande kommen konnte.

 

Der political correctnes in der Bundesrepublik ist das allerdings egal: Einmal Berührung und schon IM, wie bei der Leprakrankheit. Analog zu einem solchen, auch durch äußerliche Entstellung betroffenen und in Isolierung zu haltenden  Kranken fühle ich mich im freien Westen denn manchmal behandelt. Als 1979 ruchbar wurde, ich hätte mich, wie  kürzlich noch in der FAZ als bekannte Tatsache wiedergegeben wurde, "abgesetzt", entfernte der S.Fischer-Verlag sogleich meinen Beitrag von der Spitze des ersten Bandes einer Hans Werner Henze als Herausgeber zeichnenden "Musikalischen Ästhetik". Erst auf die Drohung des weltberühmten Komponisten hin, er werde sein auf fünf Bände geplantes Werk vom Verlag abziehen, nahm er ihn wieder auf. Bei einem anderen Verlag, dessen Hauptherausgeber Ernst Bloch eben verstorben war, konnte die Eliminierung nicht verhindert werden. Nach 1989 stießen meine Bemühungen um Verlage für meine neuen Publikationen, vor allem für das Habermasbuch, verstärkt jetzt auch für das Hitlerbuch, immer wieder auf schlichtes Schweigen. Das setzte zuweilen erst ein, nachdem zu einer Zusage zum Schluss noch meine Biographie nachgeliefert wurde. Der S. Fischerverlag entschuldigte sich immerhin in aller Freundlichkeit damit, dass zum Thema Nationalsozialismus das Programm auf Jahre hinaus ausgebucht sei. Der von einigen Institutionen für 2011 in Berlin gemeinsam geplante Vortrag zum Hitler-Thema schrumpfte schließlich zum Meeting eines kleinen Häufleins zusammen. Die Nachricht von meiner politischen Leprakrankheit, vermute ich, war noch rechtzeitig umgegangen.

 

Das mindeste, was die Öffentlichkeit erwartet, ist ein Reuebekenntnis. Aber was soll ich bereuen? Dass ich zusammen mit meinen Freunden mich nicht angesichts des drohenden Weltkrieges bei meinen alltäglichen Geschäften habe beruhigen können, sondern dass wir es gewagt haben, nicht ganz konform mit den Gesetzen einen Vorstoß zu unternehmen, der zwar kindlich in den Erwartungen war, die wir daran knüpften, aber doch ein Zeichen für einen Aufbruch zur Überwindung der Hassemotionen durch die ganze Bevölkerung hätte sein können? Ich bin nach wie vor stolz auf diese Initiative und stehe auch zu dem, was sich daraus ungewollt ergab. Wer Ungewöhnliches wagt, muss auch ungewöhnliche Folgen auf sich nehmen wollen. In einer Bundesrepublik, wie ich sie mir wünsche, wäre ich nicht überrascht, wenn mir, sowie meinen Freunden, gleich

welchen Weg sie schließlich gegangen sind, nicht nun auch noch eine reuige Geste abverlangt, sondern eine nachträgliche Anerkennung ausgesprochen, um nicht zu sagen so etwas wie ein Bundesverdienstkreuz verliehen würde. Aber so hoch will ich natürlich nicht greifen. Mir würde schon genügen, wenn man mir nicht erschweren würde, für mein einst geteiltes Mutter- und Vaterland, dessen Vereinigung samt der damit verbundenen weltpolitischen Entspannung mir von Jugend auf als Ziel vor Augen stand, weiterhin zu wirken.

 F. Tomberg